Erlebnisbericht mit Angehörigen von Organspendern

geschrieben 2010

 

Seit einem Jahr ringe ich mit mir, ob ich über dieses Erlebnis berichten sollte oder nicht . . .

 

. . . aber ich bin nun der Auffassung,  dass es doch wichtig ist, darüber zu berichten! Vielleicht kann ich auch helfen, Ängste oder Misstrauen abzubauen. Aber lest bitte selbst. Ich habe diesen Bericht zum Schutz aller Beteiligten ohne Ort und Namen zu nennen verfasst:

 

Im Dezember 2008 hatte ich die Möglichkeit durch den DSO (Deutschen Stiftung für Organtransplantation) bei einem Angehörigentreffen dabei zu sein. Ich habe schon einige Male mit verschiedenen Koordinatoren zusammen gearbeitet,  um u.a. Aufklärungsarbeit zu leisten. Solche Treffen werden von der DSO allen Angehörigen angeboten und die Teilnahme ist freiwillig.

 

Bei den Treffen wird, im Beisein einer Ärztin, eines Psychologen und zwei Transplantierten, über den Verlust des geliebten nahe stehenden Menschen gesprochen. In der Regel beginnt das Treffen gegen 10 Uhr mit ca. 10 Angehörigen.

Diese Menschen hatten sich dazu bereit erklärt, den Willen des Verstorbenen umzusetzen oder haben diese Entscheidung für Ihren Verstorbenen getroffen. Ohne sie und natürlich den Organspender würde ich heute diese Zeilen hier nicht schreiben können

 

Alle Teilnehmer saßen in einem Kreis und jeder Angehörige konnte sich kurz vorstellen. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, sein Erlebnis genauer erzählen. Für mich war es eine sehr stressige und aufregende Situation, ich hatte Hochachtung vor den Angehörigen. Ich hörte erschütternde Geschichten, die mich tief betroffen machten. Auch empfand ich tiefe Dankbarkeit gegenüber den Spendern und Angehörigen.

 

Ich durfte Einblick bekommen, wie gesunde Menschen plötzlich zu Organspendern werden. Ob missglückter Suizidversuch, Gehirnbluten ohne Vorwarnung oder einfach nur ein gesunder Mensch, der auf der Straße umfällt: alle diese Ereignisse wurden berichtet. Die Stimmung war angespannt, Trauer und Wut waren zu spüren. Es flossen viele Tränen, auch ich musste mich sehr zusammenreißen, alles im Griff zu behalten.

 

Nachdem die Vorstellungsrunde vorbei war gab es eine kleine Pause. Eine Familie verabschiedete sich bereits. Es war zu sehen, dass es ihnen zu viel war und sie wollten nicht weiter dabeibleiben. Auch wenn ihre Erlebnisse ein oder zwei Jahre her waren, spürte ich, dass die Wunden aufgerissen wurden. Für einige war dies sehr schwer.

 

Zusammen mit einer Nierentransplantierten hatte ich die Aufgabe, den Angehörigen im Namen aller Transplantierten symbolisch Dank zu überbringen. Ich überreichte der Familie eine weiße Rose und bedankte mich für ihr Dabeisein und wünschte alles erdenklich Gute.

 

Alle Angehörigen hatten außerdem die Aufgabe, ein Erinnerungsstück von ihrem Verstorbenen mitzubringen. Ebenso gab es einen Tisch der mit verschiedenen Gegenständen, bedeckt war welche von der DSO zur Verfügung gestellt wurden. Mit dabei waren ein Kuscheltier, ein Stein und eine kleine Uhr. Die Angehörigen wurden aufgefordert, an den Tisch zu gehen und sich einen Gegenstand zu nehmen. Dieser könnte sie in irgendeiner Weise an ihre Verstorbenen erinnern. Anschließend konnten sie darüber sprechen

 

Auch da empfand ich die Geschichten als sehr schmerzhaft. Ich bemerkte die Wut, die diese Menschen hatten

 

„Warum ist das gerade meiner Tochter passiert und nicht einer anderen???“

„Warum musste ich das alles durchmachen?“

 

Alle diese Emotionen spürte ich sehr intensiv.

 

Nachdem diese Runde zu Ende war, wurde uns ein Mittagessen angeboten. Wir hatten alle  eine Stunde Zeit, neue Kraft zu schöpfen. Es entwickelten sich Gespräche und auch ich erzählte ein wenig von dem, was ich erlebt habe.Nach dem guten Essen begann die zweite Runde

 

Vor dem Treffen hat mir der Koordinator des DSO ein paar Bilder per Email gesendet. Ich sollte entscheiden, welches zu mir passt und im Treffen ein paar Worte dazu sagen. Ich nahm ein Bild, auf welchem eine Person auf dem Boden sitzt. Dieses Bild erinnerte mich daran, dass ich oft am „Boden“ zerstört war und nach Luft rang.

 

Genau mit diesen Worten teilte ich es den Zuhörern mit und erzählte meinen Leidensweg vor der Transplantation. Als diese Runde beendet war, war es wieder an der Zeit, dass wir uns symbolisch bei allen Angehörigen bedankten.

Wir gingen an jede Person recht nah herran und gaben jedem eine Rose und eine Karte in die Hand. Jemand nahm mich den in Arm und weinte… Sie war sehr dankbar, dass es mir als Empfänger so gut geht.

Ich war sehr berührt von der Anteilnahme und es fiel mir immer schwerer, in diesem Raum zu bleiben!

 

Zum Schluss wurde jeder eingeladen, den Tag Revue passieren zu lassen. Viele Angehörige fanden es gut, einen Transplantierten zu treffen. Sie konnten sich überzeugen dass es ihm gut geht und die Organspende NICHT sinnlos war.

 

Vielen sah ich an, dass sie geschafft und psychisch am Ende ihrer Kräfte waren. Nachdem das Feedback zu Ende war gab es noch die Möglichkeit, Anregung oder auch Kritik zu äußern. Viele Angehörige berichteten, dass sie erleichtert wären, viele Antworten auf ihre Fragen bekommen hätten und sie bekräftigten die Richtigkeit ihrer damaligen Entscheidung für die Organspende noch einmal.

 

Dieser Tag war sehr anstrengend, aber auch bedeutsam. Ob ich noch ein mal so ein Treffen mitmachen werde?

Ich kann nur sagen, jetzt gerade nicht aber unvorstellbar ist es für mich nicht.

 

Ich habe soviel erlebt: die schwere Operation, Komplikationen, die Nachsorge, der anonyme Brief an meinen Organspender und deren Angehörigen. Zum Schluss durfte ich erfahren, wie es Menschen geht, die die Organe ihrer Angehörigen zur Organspende freigegeben haben.

Dadurch wurde mir ein neues Leben geschenkt. Herzlichen Dank!

 

Euer Johannes

 

 

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